Am Ende hat sich die Staatengemeinde doch noch für einen militärischen Einsatz in/über Libyen entschieden. Ich hatte die Einigung auf UN-Ebene überhaupt nicht mehr für möglich gehalten. Dass Deutschland unter einer konservativen Regierung aber im Sicherheitsrat für eine Enthaltung stimmen würde, das hätte ich nun überhaupt nicht erwartet.
Was sind die Gründe für die Ablehnung der deutschen Beteiligung an dem militärischen Einsatz? Denn damit ist die Enthaltung ja begründet worden (natürlich hätte man auch „diplomatisch“ zustimmen können und sich dann „militärisch“ enthalten können – schwierig aber durchaus machbar). Es ist richtig, dass wie Westerwelle sagte, die Einrichtung einer Flugsverbotszone mit der Bekämpfung von Luftabwehrsystem am Boden verbunden ist. Und wo man militärische Ziele, besonders aus der Luft, bekämpft ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Nicht-Kombattanten trifft hoch. Aber dieses Argument würde jegliches zukünftiges militärisches Eingreifen von vornherein ausschließen. So „pazifistisch“ schätze ich diese Regierung aber nicht ein. Außerdem warnt Westerwelle vor der Einmischung in ein weiteres muslimisch geprägtes Land und den möglichen langfristigen Folgen für die Region. Auch damit hat er nicht Unrecht. Denn es ist vollkommen unklar, wie sich Libyen und die Aufstände bzw. Demonstrationen in der arabischen Welt entwickeln werden und wer am Ende als Sieger hervor gehen wird. Aber bereits die Vorgänge in Tunesien und Ägypten haben irgendwann verlangt, dass man sich klar auf die Seite der Regierenden oder die der Demonstranten stellt. Westerwelle hat dies in den beiden Fällen durchaus getan. Beide Argumente von Westerwelle sind für mich deshalb nicht überzeugend genug um die Enthaltung im Sicherheitsrat zu erklären. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Libyen vor unserer Haustüre liegt, auch wenn weiter entfernt als für Franzosen oder Italiener. Und es ein Ausscheren als Einziger aus dem westlichen Bündnis darstellt.
Welche Vorteile ergeben sich aber mit der militärischen Enthaltung? Möglicherweise hat man jetzt eine bessere Karte, um bei möglichen Verhandlungen zwischen Gaddafi und der angreifenden Allianz zu vermitteln. Diese Position muss man sich jetzt erarbeiten. Aber das lohnt sich nicht allein für diese Positionierung. Als einziges für mich wirklich überzeugendes Argument fällt mir leider nur ein innenpolitisches ein: die anstehenden Wahlen. Laut einer Umfrage sprechen sich 88 Prozent der deutschen Bevölkerungen gegen einen militärischen Einsatz in Libyen aus (die Flugsverbotszone halten aber immerhin 55 Prozent der Befragten für richtig). Könnte es sein, dass Frau Merkel ihren Vorgänger Herrn Schröder kopieren möchte, der mit seiner Ablehnung des Irakkrieges eine Wahl mitgewann? (Die schnelle Entscheidung von Frau Merkel für ein Moratorium zur Atomkraft lässt ja ebenfalls die Wahltermine als Grund vermuten.)
Meiner Meinung wären Wahlen ein wirklich schlechter Grund sich für oder gegen ein militärisches Eingreifen zu entscheiden. So etwas muss sicherheitspolitisch Sinn machen und darf nicht vorrangigen innenpolitischen Zwängen unterliegen. Nicht sehr weit gedacht wäre es meiner Meinung in diesem Fall besonders, wenn es neben vielen anderen auch zur Konsequenz hätte, dass das Bundeswehrmandat für Afghanistan (AWAC-Besatzung) erhöht werden müsste. Denn das wäre dieser Bevölkerung noch schwerer verständlich zu machen. Militäreinsätze müssen immer kritisch hinterfragt werden, die Gründe für die Entscheidung gehören dann aber der Bevölkerung erklärt (was auch bei anderen Einsätzen versäumt worden ist). Deshalb muss ich leider sagen: „Mr. Westerwelle, I am not convinced!“
Ehrlich gesagt, hat mich die Enthaltung im Sicherheitsrat weniger überrascht. Ich war zuerst sehr überrascht über das generelle Desinteresse an den Entwicklungen im Maghreb. Gerade durch Herrn Westerwelle gab es zur Entwicklung in Tunesien, aber auch in Ägypten in den Medien eher Zurückhaltung. “Keine Gewalt” war für über eine Woche die einzige Aussage. Ich versteh es heute noch nicht. Wo man doch durch Einflußnahme auf die Demokratisierung des Maghreb die sich seit dem 11.09.2001 verschärfende politisch-religiöse Kluft zwischen Europa und dem Nahen Osten so gut hätte entschärfen können und Europa näher stehende Regierungen hätte formen können – allein schon um die Flucht nach Europa verringern zu können und sich das Wohlwollen der islamischen Mitbürger in Deutschland zu sichern. Oder besseren wirtschaftlichen Zugriff auf die Länder aufzubauen. Ich vermute neben den bereits genannten Gründen (Angst vor innenpolitische Ablehnung gegenüber eines weiteren Krieges, Afganistan u.a.) auch die Wirtschaft als Ursache für die deutsche Enthaltung bzgl. militärischer Maßnahmen in Libyen. Stell dir vor, al-Gaddafi bleibt in Libyen an der Macht. Er könnte sein Öl dann an andere Länder verkaufen. Bzgl. der Ölimporte macht Libyen für Deutschland einen Anteil von 8,1% (Quelle: EIA) oder 14% (Quelle: petroleum economist) aus (entspricht PLatz 4 bzw. 3 nach Russland (33%), Norwegen (14%) und UK (ca., 10%). Frankreich bezieht zwar Öl in fast ähnlicher Höhe (8,1% (EIA), 10% (petroleum economist)), UK aber nur <5% aus Gesamtafrika und die USA bleiben mit 0,8% ihrer Ölimporte aus Libyen von der Veränderung der wirtschaftlichen Lage vollkommen unberührt. So kann man von deutscher Seite hinterher immer sagen, wir waren einem Einsatz in Libyen nicht gesonnen. Wie sieht inzwischen eigentlich die deutsche Unterstützung in Tunesien und Ägypten aus?
Von: La(o)tse am 26. März 2011
um 15:31
Jaja Statistiken. Aber warum beteiligen sich dann Länder wie Frankreich, Griechenland und Italien an den Angriffen, die doch bisher zwischen 14 und 22 Prozent ihrer Ölimporte aus Lybien beziehen und damit vorher ganz gut gefahren sind?
http://www.iea.org/files/facts_libya.pdf
Scheinbar hat ihnen aber bisher auch keiner den Ölhahn zugedreht, was ich nicht verstehe. Aber wirtschaftlich haben sie von Gaddafi bisher durchaus profitiert (ähnlich wie Deutschland von der Freundschaft mit Putin profitiert). Rein von diesem Standpunkt kann man die Enthaltung Deutschlands bei gleichzeitiger Teilnahmer der wirtschaftlichen viel abhängigeren Ländern meiner Meinung deshalb nicht erklären.
Von: oldlenin am 30. April 2011
um 18:32
Hier nun die Antwort von Westerwelle zu dem Thema (wohl nicht nur an mich gerichtet). Meiner Meinung nach leider weiterhin wenig überzeugend…
http://www.sueddeutsche.de/politik/libyen-einsatz-kritik-an-der-deutschen-position-bedenke-das-ende-1.1076441
Von: oldlenin am 24. März 2011
um 12:22
Also aus meiner Sicht ist es nicht so abwegig, dass die Bundesregierung nach den letzten Wochen und Monaten stärker auf die innenpolitische Karte setzt. Grade auch mit Hinblick auf eine unklare Bundeswehrreform finde ich das nachvollziehbar.
Nun wird es aber tatsächlich darum gehen, die international unverständlich bis irritierende Position mit anderen sichtbaren Leistungen zu kontern, bspw. mit einem klareren Engagement in Afghanistan (
http://www.nealine.de/news/Politik/afghanistan-statt-libyen-merkel-will-schnell-neues-bundestagsmandat-2385556332-BLD-Online.jpg-1937867210.html).
Auch wenn es außenpolitisch nicht verständlich vermittelbar und nur sehr schwer vertretbar ist, so hat es auch seinen Sinn, den Einsatz in Afghanistan weiter zu stützen, wo nun ansonsten die internationale Förderkaravane zu großen Teilen weiterziehen wird. Einmal mehr, nach mehreren anderen Interventionen, droht damit auch in Afghanistan, ‘unfinished business’ zu hinterlassen – umso mehr, da selbst trotz längerem Engagements nicht absehbar ist, wie und nach welchen Maßstäben der Einsatz als vollendet oder sogar als Erfolg definierbar wäre.
Ein vermehrtes Afghanistan-Engagement der Bundesregierung entschuldigt ihre Enthaltung im UN-Rat nach wie vor nicht. Allerdings wäre ein deutliches, verlängertes und neu”getuntes” Engagement am Hindukusch m.E. die einzige unterstützenswertes Position der Bundesregierung hinsichtlich ihrer Nichtbeteilung am Einsatz in Libyen. Und diese wird nun v.a. an den folgenden Taten gemessen werden.
Von: c'est moi am 22. März 2011
um 14:57
Besonders, wenn das “vermehrte Afghanistan-Engagement” Deutschlands derzeit vorwiegend in der Vorbereitung des Abzugs besteht, welches nach den Soldaten auch die zivilen Helfern betreffen wird.
Von: oldlenin am 30. April 2011
um 18:37
Hier eine Analyse zur deutschen Enthaltung aus französischer Sicht (auf französisch). Der Autor argumentiert ähnlich wie ich (-:
http://bruxelles.blogs.liberation.fr/coulisses/2011/03/libye-lhonneur-perdu-dangela-merkel.html#more
Von: oldlenin am 22. März 2011
um 11:14