Bei der Betrachtung der derzeitigen Situation in Afghanistan ist, wie bereits in meinem letzten Blog-Eintrag dargetellt, die regionale Komponente enorm wichtig. Der indisch-pakistanische Konflikt spielt dabei eine besondere Rolle.
Bereits im Februar hat der pakistanische General Aschfaq Pervez Kayani den Alliierten und der afghanischen Regierung vorgeschlagen sie bei der Ausbildung der afghanischen Armee, zu unterstützen. In der Pressekonferenz argumentierte er folgender Maßen:
“We want a strategic depth [Anmerkung des Verfassers: im Konflikt mit Indien] in Afghanistan but do not want to control it,” the general said while talking to a group of journalists at the Army General Headquarters.
“A peaceful and friendly Afghanistan can provide Pakistan a strategic depth.”
[..]
“If we get more involved with the ANA (Afghan National Army) there’s more interaction and better understanding,” General Kayani said.“
Anfang Juli hat der afghanische Sicherheitsberater Rangin Dadfar Spanta ( ehemaliger afghanischer Außenminister mit besten Verbindungen nach Deutschland) verkündet, dass es jetzt einen Deal zwischen Afghanistan und Pakistan gebe, der die Ausbildung einer limitierten Zahl von afghanischen Offizieren in Pakistan vorsieht. Damit zieht Pakistan in diesem Bereich gegenüber seinem Erzfeind Indien nach, welches ebenfalls bereits afghanische Offiziere ausbildet.
In der aktuellen Ausgabe der „Internationale Politik“ schreibt Prem Shankar Jha, indischer Journalist, in seinem Aufsatz „Nicht ohne Neu-Delhi„, dass sich Pakistan neben der Ausbildung von Offizieren auch dafür einsetzt, dass moderate Taliban in das afghanische Militär integriert werden. Laut Jha dienen aber in der afghanischen Armee zu Zweidrittel Nichtpaschtunen, die die paschtunische Konkurrenz sicherlich nicht gern sehen.
„Jeder Versuch, die Taliban wieder an die Macht zu bringen und die Nichtpaschtunen außen vor zu lassen, würde mit großer Sicherheit in ein Wiederaufflammen des Bürgerkrieges enden.“
oder anders ausgedrückt:
„The risk is that we win the south just to lose the north.“
Der Rausschmiss des afghanischen Innenminister Hanif Atmar und des Geheimdienstchef Amrullah Saleh (ein Weggefährte von Ahmad Shah Massoud, dem ehemaligen Chefs der Nordallianz) nach dem Angriff der Taliban auf die Peace-Jirga im Juni scheint mindestens indirekt ebenfalls mit der pakistanische Strategie um mehr Einfluss einherzugehen. Der economist schreibt zu der Absetzung:
„They say that Mr Saleh has been deeply concerned for some time about Mr Karzai’s conciliatory approach to Pakistan—the old enemy, which Mr Saleh’s spies tell him essentially controls the Taliban. Hardliners, such as Mr Saleh, believe Afghanistan will win respect from Pakistan only by showing a bit of steel. For their part, the Pakistanis have long demanded his sacking.“
Um so weiter sich Pakistan wieder in Afghanistan engagiert um so mehr werden sich die Nichtpaschtunen aus dem Norden veranlasst sehen, sich ebenfalls an ihre regionalen Verbündeten zu wenden, z. B. an Usbekistan und Tadschikistan. Auch der Einfluss von Indien und Iran könnte eine noch wichtigere Rolle in Afghanistan spielen (Jha spricht als weiteren wichtigen Partner auch die Türkei ein, die seiner Meinung nach das Vakuum nach dem Abzug der USA und NATO füllen könnte, ebenfalls ein Verbündeter Pakistans). Ein Bürgerkrieg, unterstützt durch die regionalen Mächte, würde die allgemeine Sicherheitslage in der Region noch weiter verschlechtern. Nach Jha könnte es im Extremfall auch eine Abspaltung der pakistanischen paschtunischen Gebiete geben, was wiederum nicht im Interesse von Pakistan sein sollte. Eine Friedensinitiative muss deshalb nach Jha von den Staaten ausgehen, die mit Afghanistan benachbart und befreundet sind. Dafür müssten aber mehrere Staaten (z.B. USA-Iran, Indien-Pakistan) über ihren Schatten springen. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, leider.